Wo ich zu Hause bin

Wo ich zu Hause bin, halten die Schamlosen
In Bermudahosen sommers Hundefreundschaften.
Auf dem Pflaster kleben, wie abgestürzte
     Ikarusse
Lederne Tauben, daneben kringelt sich Kot.
Die Leute gehen bei Rot selten über die Straße.

Wo ich zu Hause bin, schminken sich Kinder
Und stecken den Messeonkels
     Bonbons zu.
Ich bin in einer Buchstadt zu Hause.
In der Stadtbücherei steht neben der Tür
Mit dem H für Herren Literatur
Von Hesse, Hein & Heine, auch Hilbig
     Wolfgang.
Ich wünschte, sie wären ausgeliehen, die
     Bücher
Und lägen wie Vögel auf Nachttischen.
Gut möglich, daß an den Lesefingern
Etwas Mannszucker klebt oder Karottensaft
(wie man neuerdings sagt).

Wo ich zu Hause bin, ist sie ausgestorben
     die Industrie
Spionage. Beim Bier gibt sich noch
Manchmal ein Arbeiter zu erkennen.
Anzugmenschen packen ihre Krawatten
Zwischen die Dönerbacken.
An langen Samstagen führen Pub-Inhaber
Guinnessbücher der Rekorde
Und Frauen spielen Misthaufenfahren
Auf den Tattoos ihrer Männer.

Wo ich zu Hause bin, wachsen Kranhalme.
Gelbbehelmte Christos wickeln Häuser ein
Bauzauberer, die keine Karnickelbuchten hervor
     bringen
Eher Begründerzeithäuser für Mieterhöhungen.
Kurzes Leben meist zwischen Richtspruch und
     Richterspruch.
Das Wasser ist aus den Wänden
Doch kommt wer vom Wässerchen los.

Wo ich zu Hause bin, ist Süden. Südenbabel.

 

Grafik: Michael Blümel   1996
     
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