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In Memoriam Prof. Dr. Walfried Hartinger, der im Frühjahr 2003 in Leipzig verstarb.

Großzschocher, im Garten

Ich beobachte die Frau
Die rauchend Wasser
Aus der Tonne schöpft
Es umgießt in die Zinkkanne
Während sie aus dem Mund
Winkel Dampf ablässt.

Mein Freund, der Professor
Liegt derweil auf dem Krankenlager
Nicht mächtig, die Notdurft
Ohne die Hilfe der Nächsten
zu verrichten.
Ihn, einen großen Raucher
Hat der Tabak zugesetzt
die Adern.

Als ich mir einmal Bücher
Von ihm lieh, waren sie
Innen von der Farbe
der Tapeten.


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Im Mai 2003 für Walfried Hartinger geschrieben und im Rahmen der Gedenkfeier anlässlich seines Todes am 26. Juni 2003 in der Leipziger Stadtbibliothek vorgelesen.


 

"...über die Jahre nicht nachzugeben"
Zum 50. Geburtstag des Leipziger Schriftstellers Ralph Grüneberger

Unter den deutschen Lyrikern hat Ralph Grüneberger eine eigene Stimme. Seine Verse, versammelt in den Bänden ... (s. Bibliographie), registrieren alltägliche Vorgänge, deren soziale Dimensionen freigelegt werden. Die Texte arbeiten weniger mit der zusammenziehenden Metapher, nicht vordergründig mit einem Ich, das sich selbst befragt und analysiert, sondern vielmehr mit Materialien, die aus dem Umfeld des Lyrikers gewonnen werden. Grüneberger dreht und wendet die Worte so lange, bis sie den geschichtlichen Untergrund individueller alltäglicher Existenz erreichen, die Widersprüche aufreißen und deuten (optisch verstärkt durch den überraschend eingesetzten Zeilensprung).

Solche Besonderheiten lyrischen Sprechens hat auch die internationale Kritik früh bemerkt, wenn die bereits nach dem Debütband "Frühstück im Stehen" schreibt: "In lakonischen Versen spitzt er die Vernünftigkeiten des Alltags sarkastisch zu, ironisiert Anpassungen und deren Forderungen. Gern arbeitet Grüneberger mit Spiegelungsverfahren, mit Intertexten mit Mehrfachkodierungen, ohne deshalb hermetisch schwierig zu sein" (Alexander von Bormann). Das Rollensprechen der betont sozial profilierten Frauen und Männer, der dokumentarisch-authentische Berichtston, die "harten" faktischen Details sind überlegt eingesetzte Mittel des registrierenden Mitteilungsgestus.

Ein solches künstlerisches Vorgehen hat wenigstens zwei Voraussetzungen: Zu einem die genaue Kenntnis der Lebensumstände seiner Rollen-Protagonisten (solche Erfahrungen erwuchsen ihm während seiner Zeit als Arbeiter und Angestellter und schließlich als Literaturstudent), zum anderen ein Verhältnis zu den erlebten Umständen, das sich von Anfang an als kritisch gezeigt hat. Noch vor der Wende hat Grüneberger, geradezu unideologisch, Lebensumstände, Lebensläufe, Sozialsituationen erkundet. Nicht umsonst galt der Autor deshalb im Literaturbetrieb der DDR lange Zeit als suspekt und benötigte einigen Langmut, um 1984 mit einem Heft (Nr. 198) in der Reihe "POESIEALBUM" als Dreiunddreißigjähriger eine erste Gedichtsammlung zu veröffentlichen.

Nach der Wende wird das poetologische Konzept fortgeschrieben und umgebaut; fortgeschrieben insofern, als bisherige Lebensgeschichten verlängert und weitere erkundet werden, umgebaut insofern, als nunmehr, vor allem in den Amerika-Gedichten, das Ich selbst in die Analyse genommen wird: Das Ich erlebt die Situation der Unsicherheit gegenüber einflutenden Wahrnehmungen, es besteht in der Konstellation der Irritation angesichts merkwürdiger Geschehnisse und feiert, fernab vergangener ideologischer Indoktrinierung, kostbare Momente existentieller Übereinstimmung.

Dieser Dichter, das ist besonders hervorhebenswert, zeigt seit Jahrzehnten (ich kenne Grünebergers Arbeiten seit den Anfängen des Autors Mitte der 70er Jahre) ein ausgeprägtes Sprachbewußtsein und einen besonderen Sinn für die Kommunikationsmittel des Gedichts; einige Verse sind exzeptionell und zugleich für den Gebrauch bestimmt. Beipflichten möchte ich dem Marburger Literaturwissenschaftler Nicolai Riedel, der in einer Rezension von "Stadt. Name. Land" des Dichters Bemühen um eine lebendige und zeitgemäße Weiterentwicklung der Poesie bereits vor 10 Jahren auf den Punkt gebracht hat: "Grünebergers Lyrik (...) gewinnt ihren besonderen Stellenwert durch ihre poetische Seismographik, ihre expliziten Signale, historischen Rückzüge und politischen Akzente."

Die Gedichte erscheinen, je nach Editionsmöglichkeit, seit 1993 nicht selten in kostbaren bibliophilen Sonderausgaben. Damit ist die Nähe des Lyrikers zur bildenden Kunst und bildenden Künstlern dokumentiert. Auch regen die Texte Komponisten immer wieder zu Vertonungen an.
Daß Grüneberger zudem seit Jahrzen als Vorsitzender der 1992 unter Schirmherrschaft von Karl Krolow begründeten Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. arbeitet, zeigt, daß für ihn Kommunikation ebenfalls bedeutet, der gegenwärtigen Dichtung und den zeitgenössischen Lyrikern Raum zu schaffen.


Prof. Dr. Walfried Hartinger

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