Publikationen

Beate Bahnert (in: „Das Parlament“, 2001, Nr. 15)
Alltag am Rande von Sachsen
Gerhard Webers Fotos der Leute im Dorf Erlln

„Kein Ausschank von Alkohol an Kraftfahrer!" Dieses behördlich-mahnende Schild durfte in keiner DDR-Gaststätte fehlen. Es hängt auch am Haken in der archaischen Gaststube, wo die betagte Wirtin Strümpfe strickt, inmitten von Birnenkörben, hölzernen Bierkästen und Kohleneimern, unter zwei abenteuerlichen Ofenrohren sitzend und über das ganze Gesicht lachend. Ein Bild wie vor hundert Jahren - wenn da nicht dieses Schild wäre. Aufgenommen wurde das Foto 1985 im Dorf Erlln. Der Gag daran: Selbst noch vor Jahren war ein Auto in Erlln ein Fremdkörper; Kraftfahrer brauchten gar nicht verwarnt zu werden.

Kein Wunder, denn das winzige Nest liegt an einer Sackgasse. "Nach Erlln muss man wollen", formulierte der Leipziger Lyriker Ralph Grüneberger, der Prosaminiaturen zu dem Fotoband "Die Leute im Dorf Erlln" beisteuerte. Nach Erlln muss man wollen, sonst kommt man da nicht hin. Ein Dorf mitten in Sachsen - so abgeschieden, dass selbst die lokale Presse bis dato kein einziges Mal etwas aus Erlln zu berichten hatte. Zu dieser Zeit war Gerhard Weber, Jahrgang 1940 und in der Gegend ansässig, Fotoreporter bei der "Leipziger Volkszeitung" und suchte bewusst das einzige Dorf auf, in dem er bisher noch nie ein Foto gemacht hatte. Das war Erlln. Zwei Jahre, von 1983 bis 1985, lebte er mitten unter den Erllnern, quasi von der Hochzeit bis zur Beerdigung. Und das will etwas heißen in einem Hundert-Seelen-Dorf, wo die Leute nicht so leicht jemanden "reingucken" lassen, wo sich gar Rudimente eines eigenen, nur hier verstandenen Dialektes erhalten haben.

Weber hängte eine Auswahl der Bilder großformatig und wetterbeständig an den Hausgiebeln auf. Die Erllner waren stolz. So etwas hatte man in der DDR noch nicht gesehen. Die Ausstellung machte vor fünfzehn Jahren solche Furore, dass Tausende Besucher in das Nest kamen und Gerhard Webers Name über das Muldental hinaus bekannt wurde.

Weber wollte - und will noch heute - mitnichten eine Zeit dokumentieren, sondern das wahre Leben im Alltag der einfachen Leute zeigen. Wem also vor allem die scheinbare materielle Einfachheit in die heutigen Augen sticht, so dass die menschliche Qualität überlagert wird, der hat gar nichts verstanden. Nur einen Teil versteht auch, wer in den Fotos nur DDR-Typisches entdeckt. Die Bilder sind reine Poesie und produzieren ihre Wirkung mit allen Kuriosa und tausend Geschichten aus sich selbst heraus. Das ist Verdienst Gerhard Webers, der die Menschen so typisch in ihrem Milieu zeigt. Dank Schwarz-Weiß-Fotografie kommt nirgendwo eine Andeutung mangelnder Distanz auf. Der Lyriker Ralph Grüneberger hat sich mit den Texten in Dorf und Bilder unaufdringlich und sehr treffend hineingefühlt.

Muss man nach Erlln wollen? Die Zeit hat Erlln nicht vergessen, aber das Dorf gibt es noch, hinter sieben Muldenhügeln. Das Büchlein "Die Leute im Dorf Erlln" mit fünfzig ausgewählten Fotos erschien anlässlich der Ausstellung "Zwischen Zeiten" mit Gerhard Webers Porträt- und Milieufotografie in der Studiogalerie Kaditzsch im hauseigenen Verlag der Denkmalschmiede Höfgen. Das ist ein international geschätztes Kunst- und Kulturzentrum südöstlich von Leipzig, oder besser: unweit von Erlln. Unterstützung gab u. a. die Friedrich-Ebert-Stiftung, Interesse zeigte u. a. das Goethe-Institut in Washington. Darum der zweisprachige Text in Deutsch und Englisch.

Gerhard Weber: Die Leute im Dorf Erlln. Fotoband mit Prosaminiaturen von Ralph Grüneberger. Grimma: Denkmalschmiede Höfgen, Edition Waechterpappel, 2000.
Deutsch und Englisch. 92 S., 38,80 DM

 
   

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